Identitätskonstruktionen in der deutschsprachig-jüdischen Gegenwartsliteratur

Die nicht-jüdische Wahrnehmung der jüdischen Minderheit in Deutschland und Österreich folgt bestimmten Stereotypen: Wenn dort über Jüdischsein gesprochen wird, wird diese Identität in der öffentlichen Wahrnehmung meist unwillkürlich durch das „mediale Dreieck“ von Antisemitismus, der Shoah und Israel verkürzt. Identitätspolitik ist hier also gleichbedeutend mit einer öffentlich vorstrukturierten, klischeehaften Wahrnehmung von Jüdinnen und Juden, der die Individuen unabhängig von ihrer Selbstwahrnehmung, ihrer spezifischen Biografie und ihren eigenen Interessen nur schwer entkommen können. Jüdische Autor:innen müssen sich alltäglich zu dieser „Gojnormativität“ verhalten, wie sie Judith Coffey und Vivien Laumann mit dem jiddischen Begriff für nicht-jüdische Individuen, Goj, zwecks kritischer Analyse dieses dominanten Herrschaftsverhältnisses benannt haben. 

Zugleich hat die deutschsprachig-jüdische Gegenwartsliteratur seit den 1980er Jahren einige der wichtigsten Stimmen gegen Antisemitismus, Rassismus und die bigotte Erinnerungskultur der Bundesrepublik Deutschland hervorgebracht. Anhand aktueller Beispiele werden in dem Vortrag einige markante jüdische Positionierungen zu Begriffen wie Migration, Integration und Heimat referiert und im Kontext des umstrittenen Themas der Identitätspolitik betrachtet werden, u.a. bei Olga Grjasnowa, Lena Gorelik, Sasha Marianna Salzmann, Maxim Biller und Max Czollek. 

Alle fünf genannten Autor:innen zählen zu den meistbeachteten Schriftsteller:innen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur und schreiben seit Jahren in ihren Romanen und Essays über die genannten Themen. Grjasnowa, Salzmann und Czollek sind zudem in dem mittlerweile in zweiter Auflage vorliegenden Band Eure Heimat ist unser Alptraum (2024) vertreten, der im angekündigten Vortrag genauer zu betrachten sein wird.

Zur Person

Jan Süselbeck ist Professor für deutschsprachige Kulturwissenschaft an der Technisch-Naturwissenschaftlichen Universität Norwegens (NTNU) in Trondheim. Er ist Literatur- und Medienwissenschaftler und forscht zur Affektivität des literarischen Antisemitismus. Weitere Schwerpunkte seiner Arbeit sind Literaturvermittlung in den Medien, Literatur und Film nach Auschwitz, Repräsentationen des Krieges und transkulturelle Gedächtnisforschung. 

Jan Süselbeck

Letzte Veröffentlichungen: Emotionen und Antisemitismus. Geschichte – Literatur – Theorie, Reihe: Studien zu Ressentiments in Geschichte und Gegenwart, Göttingen 2021 (hrsg. zusammen mit Stefanie Schüler-Springorum); Die Gegenwart des literarischen Antisemitismus. Zum religiösen Gefühlswissen seit der Romantik – mit einem Close-Reading von Peter Handkes Text „Die Lehre der Saint-Victoire“ (1980). In: „Aggregate der Gegenwart“. Entgrenzte Literaturen und Erinnerungskonflikte (hrsg. von Hans-Joachim Hahn, Hans Kruschwitz und Christine Waldschmidt), Bielefeld 2023, S. 321-336; Shell Shock Cinema? On Fascist and Antisemitic Codes in Fritz Lang’s Filmic Adaptation of Thea von Harbou’s Metropolis. In: War and Science Fiction. Imagining Organized Mass Violence between Past, Present, and Future (hrsg. von Frank Jacob und Miriam Jensen Tveit) Leiden: Brill 2025, S. 145-164.

Diese Veranstaltung findet in Kooperation mit dem Instituut Joodse Studies Antwerpen statt.

Zeit: 4.05.2026

Ort: Universiteit Antwerpen, Stadscampus